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🧊 Strahlverfahren · CO₂ · Kältetechnik

Trockeneis-Strahlen

Schonend, rückstandsfrei, effektiv — aber mit einer unsichtbaren Gefahr die viele unterschätzen: CO₂ ist schwerer als Luft und sammelt sich am Boden und in Behältern.

Grundlagen
Was ist Trockeneis-Strahlen?

Beim Trockeneis-Strahlen (auch CO₂-Strahlen oder Dry-Ice-Blasting) werden Trockeneis-Pellets (festes CO₂) mit Druckluft auf die zu reinigende Oberfläche beschleunigt. Der Reinigungseffekt entsteht durch drei gleichzeitig wirkende Mechanismen:

❄ Thermischer Schock

Trockeneis hat −78,5 °C. Der plötzliche Temperaturunterschied macht Verschmutzungen spröde — sie reißen auf und lösen sich.

💨 Sublimation

Trockeneis sublimiert sofort beim Aufprall zu CO₂-Gas — es entsteht ein explosionsartiger Druckimpuls der die Schmutzschicht abhebt.

⚡ Kinetische Energie

Das Pellet selbst trifft mit hoher Geschwindigkeit auf — mechanische Abtragung ergänzt den thermischen Effekt.

Vorteile gegenüber anderen Verfahren: Kein Sekundärabfall (keine Strahlmittelreste), keine Feuchtigkeit (trocken), schonend für Substrat, chemisch inert, keine Beschädigung empfindlicher Oberflächen, FDA-konform für Lebensmittelbereiche.
EinsatzbereichTypische AnwendungVorteil
Bioreaktoren / FermenterProduktreste, Biofilm, AblagerungenKein Wasserantrag, schnell wieder einsatzbereit
Elektroanlagen / SchaltschränkeStaub, Öl, KorrosionKeine Feuchtigkeit, nicht leitfähig
Ofenreinigung / BackformenVerkokte RückständeKein Schleifen, kein Lösungsmittel
Kleberreste / DichtungenKlebstoff, Silikon, DichtmasseRückstandsfrei, schnell
Farb- / LackentfernungLackschichten, GraffitiKeine chemischen Stripper nötig
BehälterinnenreinigungSchlämme, Ablagerungen⚠️ Hier besondere CO₂-Gefahr beachten

Hauptgefährdung
Die unsichtbare Gefahr: CO₂
⚠️ CO₂ ist geruchlos, farblos und schwerer als Luft. Es sammelt sich in Bodennähe, in Gruben, Schächten und Behältern — ohne dass man es merkt. Wer in einen CO₂-angereicherten Bereich tritt, verliert innerhalb von Sekunden das Bewusstsein.
−78,5 °C
Temperatur Trockeneis — Kälteverbrennungen in Sekunden bei Hautkontakt
5.000
ppm
CO₂ AGW (8h)
Schwindel, Kopfschmerzen
20.000
ppm
Starke Symptome
Atemnot, Bewusstseinstrübung
100.000
ppm
10% in der Luft
Bewusstlosigkeit in Sekunden

Normale Luft enthält ca. 400 ppm CO₂. Beim Trockeneis-Strahlen entsteht durch Sublimation je nach Einsatzmenge sehr schnell ein Vielfaches davon — besonders in schlecht belüfteten Bereichen. CO₂ setzt sich unten ab, der Bediener riecht und sieht nichts.

⚠️ Kritisch bei Behälterarbeiten: Wer Trockeneis-Strahlen im Behälter einsetzt und danach jemanden ohne Atemschutz einsteigen lässt — riskiert eine Katastrophe. Das CO₂ liegt im Behälter wie Wasser in einer Wanne. Unsichtbar, geruchlos, tödlich.
🔧 Praxishinweis — "Das ist doch nur CO₂"

Stimmt — CO₂ ist nicht giftig im klassischen Sinne. Aber es verdrängt Sauerstoff. Das Messgerät piepst nicht wegen CO₂-Vergiftung, sondern wegen O₂-Mangel. Wer kein Gerät hat das O₂ misst, merkt nichts — bis er umfällt. Faustregel: Trockeneis-Strahlen im Behälter = Pressluftatmer = Pflicht. Keine Ausnahme.


Schutzausrüstung
PSA beim Trockeneis-Strahlen

Pflicht-PSA

  • Kälteschutzhandschuhe — kein direkter Kontakt mit Trockeneis (−78°C = Kälteverbrennungen sofort)
  • Vollgesichtsschutz — Pellets und Splitter mit hoher Geschwindigkeit
  • Gehörschutz — Schalldruckpegel oft über 85 dB(A)
  • Sicherheitsschuhe S3
  • Schutzanzug — gegen Pelletaufprall und Kältekontakt
  • Atemschutz im Innenbereich — Halbmaske mit A-Filter bei guter Lüftung, Pressluftatmer im Behälter

Atemschutz — wann was?

  • ✓ Außen / gut belüftet → Halbmaske A-Filter
  • ✓ Innenraum mit Lüftung → Halbmaske + O₂-Messung laufend
  • ❌ Behälter / enger Raum → NUR Pressluftatmer
  • ❌ Kein Filtergerät bei O₂-Mangel (Filter schützt nicht vor O₂-Mangel)
  • ❌ Kein Alleinarbeiten im Behälter mit CO₂-Einsatz
  • Messgerät muss O₂ UND CO₂ messen — nicht nur Ex/H₂S/CO
EinsatzsituationLüftungAtemschutzBesonderheit
AußenbereichNatürlich ausreichendHalbmaske A-FilterO₂-Messung empfohlen
Halle / InnenraumTechnisch sicherstellenHalbmaske + laufende O₂-MessungTüren auf, Lüfter
Schacht / GrubeMeist nicht ausreichendPressluftatmer PflichtSipo außen Pflicht
Behälter / enger RaumNie ausreichendPressluftatmer PflichtKontinuierliche Messung, Sipo, Permit
Nach Einsatz im BehälterCO₂ bleibt längerKeine Person ohne Atemschutz reinErst Messung — dann Einstieg

Lagerung & Transport
Trockeneis sicher handhaben
⚠️ Niemals Trockeneis in geschlossenen Räumen oder Fahrzeugen lagern. Die Sublimation läuft konstant weiter — auch bei Lagerung. In einem geschlossenen Transporter können innerhalb kurzer Zeit lebensgefährliche CO₂-Konzentrationen entstehen.

Transport Pflichten

  • Trockeneis = Gefahrgut UN 1845 (ADR)
  • Fahrzeug muss belüftet sein — Schiebefenster auf oder Dachventilation
  • Fahrer allein im Transporter: Fenster offen oder Messung
  • Beförderungspapier mit UN 1845 mitführen
  • Kennzeichnung: Gefahrzettel Klasse 9 + UN-Nummer
  • Menge bis 50kg: vereinfachte Regeln (ADR 1.1.3.6)
  • Über 50kg: volle ADR-Pflicht

Lagerung

  • Nur in Spezialcontainern mit Belüftungsventil lagern
  • Nicht in Kühlschränken oder luftdichten Behältern
  • Nicht im Keller ohne Belüftung
  • Sublimationsverlust: ca. 5–10% pro 24h (je nach Isolation)
  • Nur kurze Lagerzeiten — Trockeneis ist kein Vorratsmaterial
  • Niemals in Nähe von Zündquellen (CO₂ selbst nicht brennbar, aber O₂-Verdrängung)
  • Lagerraum: Türschild "CO₂-Gefahr / Belüftung Pflicht"

Sonderfall
Trockeneis-Strahlen im Behälter

Die Kombination Trockeneis-Strahlen + Behältereinstieg ist der gefährlichste Einsatz. Hier treffen zwei Risikobereiche aufeinander — beengte Räume mit erschwerter Rettung und massive CO₂-Produktion durch das Strahlverfahren.

📋 Regelwerk: DGUV Regel 113-004 (Behälter, Silos, enge Räume) + TRGS 513 (Tätigkeiten mit Trockeneis) + GefStoffV. Beides greift gleichzeitig — der strengere Standard gilt.

Pflichtmaßnahmen — keine Ausnahmen

  • Arbeitsfreigabe / Permit-to-Work vor Einstieg
  • Freimessung: O₂ UND CO₂ vor Einstieg (O₂ muss > 19,5% sein)
  • Pressluftatmer für alle einstiegenden Personen
  • Kontinuierliche Gasmessung während der Arbeit (O₂ + CO₂)
  • Sicherungsposten außen — verlässt Posten nicht
  • Lüftung: Frischluft rein, verbrauchte Luft (CO₂-beladen) raus — nicht umgekehrt
  • Nach Einsatz: Behälter spülen, Messung wiederholen bevor jemand ohne Atemschutz rein
  • Rettungskonzept und Rettungsmittel vor Ort
🔧 Praxishinweis — Lüftung richtig planen

Beim Trockeneis-Strahlen im Behälter entsteht CO₂ am Boden — dort liegt es. Ein Lüfter der oben bläst hilft wenig wenn das schwere CO₂ unten bleibt. Zuluft oben, Absaugung unten — so wird CO₂ aktiv nach draußen transportiert. Bei Schächten: Lüftungsrohr bis auf Bodenhöhe verlängern.


Regelwerk
Relevante Normen
DokumentInhaltRelevant für
TRGS 513Tätigkeiten mit Trockeneis — Gefahren, Schutzmaßnahmen, GrenzwerteJeder Trockeneis-Einsatz
DGUV Regel 113-004Arbeiten in Behältern, Silos und engen RäumenTrockeneis im Behälter
GefStoffV § 7-9Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit GefahrstoffenCO₂ als Gefahrstoff
ADR UN 1845Transport gefährlicher Güter — Trockeneis Klasse 9Transport im Fahrzeug
TRGS 900Arbeitsplatzgrenzwerte — CO₂ AGW 5.000 ppm / STEL 10.000 ppmGrenzwerte Messung
DGUV-R 112-190Atemschutz — Geräteauswahl und TragedauerAtemschutzauswahl
DIN EN 1853Behälter für festes CO₂ (Trockeneis)Lagercontainer